{"id":241,"date":"2013-01-25T18:10:14","date_gmt":"2013-01-25T18:10:14","guid":{"rendered":"https:\/\/wordpress.clarku.edu\/takcam\/?p=241"},"modified":"2013-02-01T17:32:11","modified_gmt":"2013-02-01T17:32:11","slug":"die-turkische-leugnung-des-volkermordes-an-den-armeniern-im-europaischen-kontext","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wordpress.test.clarku.edu\/takcam\/lectures\/die-turkische-leugnung-des-volkermordes-an-den-armeniern-im-europaischen-kontext\/","title":{"rendered":"Die t\u00fcrkische Leugnung des V\u00f6lkermordes an den Armeniern im europ\u00e4ischen Kontext"},"content":{"rendered":"<p><em>Die t\u00fcrkische Leugnung des V\u00f6lkermordes an den Armeniern im europ\u00e4ischen Kontext in Huberta von Voss, ed. Portr\u00e4t einer  Hoffnung Die Armenier. Lebensbilder aus aller Welt (Portraits of Hope: The Armenians. Pictures  of Lives from all over the world). Berlin: Verlag Hans Schiler, 2004.<br \/>\nVon Taner Ak\u00e7am<\/em><\/p>\n<p>Das Europaparlament hat in verschiedenen Resolutionen den Genozid an den Armeniern anerkannt. Die erste und wichtigste war die &#8220;Zur politischen L\u00f6sung der armenischen Frage&#8221; vom 18. Juni 1987. Darin wurde die Anerkennung der historischen Ereignisse zu einer der Voraussetzungen f\u00fcr die Aufnahme der T\u00fcrkei in die Europ\u00e4ische Union erhoben. Gleichzeitig wurde damit deutlich, dass es sich hier um keine rein historische, sondern um eine politische Frage handelt. Am 28. Februar 2002 bekr\u00e4ftigte das Europ\u00e4ische Parlament mit \u00fcberw\u00e4ltigender Mehrheit in einer Resolution die Forderung, dass die T\u00fcrkei den V\u00f6lkermord anerkennen muss, bevor sie der EU beitreten kann. Diese Haltung wirft Fragen auf: Sollte die Anerkennung des Genozids eine Vorbedingung f\u00fcr die Aufnahme der T\u00fcrkei, die sich mitten im Umbruch befindet, sein? Kann eine Demokratie ohne die Akzeptanz historischer Ereignisse aufgebaut werden? Was ist wichtiger: die Demokratisierung oder die Anerkennung der Geschichte? Hat die herrschende Elite \u00fcberhaupt ein ehrliches Interesse an der Eigendynamik des Demokratisierungsprozesses, die durch das Ziel des EU-Beitritts in Gang gekommen ist? Oder sind ihr vielleicht insgeheim H\u00fcrden willkommen, die eine Demokratisierung bremsen, die unweigerlich zu einem Verlust ihrer Privilegien f\u00fchren wird? Wir wollen im Folgenden versuchen, eine Antwort auf diese Fragen zu suchen. <\/p>\n<p>Nicht nur das Europ\u00e4ische Parlament, sondern auch f\u00fcnfzehn andere nationale Parlamente haben seit 1965 Resolutionen, Beschl\u00fcsse oder Gesetze verabschiedet, in denen der Genozid an den Armeniern entsprechend der UNO-V\u00f6lkermordskonvention von 1948 anerkannt wird. Darunter sind die USA (Repr\u00e4sentantenhaus 1975) und Russland (Staatsduma 1995) sowie die Parlamente der EU-Staaten Griechenland (1996), Frankreich (1998\/2001), Schweden (2000), Italien (2000) und Kanada (2004). Sie alle scheinen zu Kriegsschaupl\u00e4tzen des t\u00fcrkisch-armenischen Konflikts geworden zu sein. Wenn aber die EU den Genozid an den Armeniern f\u00fcr ein wichtiges Thema h\u00e4lt, dann sollte sie dies nicht nur im Parlament behandeln, sondern auch in anderen Foren und langfristige Konfliktl\u00f6sungsstrategien entwerfen. Dabei muss die EU einsehen, dass es sich hierbie nicth nur um ein t\u00fcrkish-armenischen Problem handelt. Der Konflikt hat eine wesentliche Komponente: die Erweiterung der EU zum Nahen Osten und dem Kaukasus und stabilitaet und peace in die Region. Desewegen, EU sollte sich im Hinblick auf eine L\u00f6sung  f\u00fcr eine verbesserte Zusammenarbeit beider L\u00e4nder einsetzen. Es muss ein Kontext hergestellt werden, der eine produktive Konfrontation beider Parteien erm\u00f6glicht. Dies f\u00fchrt uns zum Thema der Konfliktl\u00f6sung und der Rolle, die Dritte dabei sinnvoll spielen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Wie sieht der Konflikt von au\u00dfen betrachtet aus?<\/em><\/p>\n<p>Von au\u00dfen betrachtet, gibt es zwei Parteien in dem t\u00fcrkisch-armenischen Konflikt. Auf der einen Seite ist der t\u00fcrkische Staat und seine nationalistische Wahrnehmung von Geschichte, die alle \u00dcberlegungen \u00fcber das historische Umfeld des Ersten Weltkrieges ignoriert \u2013 ganz besonders den Genozid. Auf der anderen Seite ist der armenische Staat und die Diaspora. Sie haben ihre Darstellung der Ereignisse gr\u00f6\u00dftenteils in Reaktion auf die Version des t\u00fcrkischen Staates entwickelt. Beide Parteien scheinen einen politischen und psychologischen Krieg gegeneinander zu f\u00fchren. Dabei gilt es, den Genozid entweder zu beweisen oder ihn zu widerlegen. Die armenische Diaspora und die junge Republik Armenien versuchen, mit Hilfe der Intervention von westlichen M\u00e4chten und der \u00f6ffentlichen Meinung die T\u00fcrkei zu einer Anerkennung des Genozids zu dr\u00e4ngen. Die T\u00fcrkei hingegen benutzt ihr regionales politisches und milit\u00e4risches Gewicht, um Dritte genau davon abzuhalten. Man kann ohne \u00dcbertreibung feststellen, dass beide Kontrahenden die Geschichte als Waffe in ihren aktuellen Beziehungen einsetzen. Die historischen Ereignisse werden l\u00e4ngst nicht mehr frei von Implikationen diskutiert. Vielmehr ist die Geschichte zu einem Instrument der aktuellen Debatte geworden.<\/p>\n<p>Es ist offensichtlich, dass die t\u00fcrkische Position, die noch nicht einmal die Existenz eines historischen Problems anerkennt, das Entstehen der beiden Lager bef\u00f6rdert hat. Dar\u00fcber hinaus f\u00fchlt sich der t\u00fcrkische Staat stark genug, die Regeln der Diskussion festzulegen und negiert sogar s\u00e4mtliche armenische Behauptungen hinsichtlich des Genozids. Aus diesem Grunde scheint f\u00fcr die Armenier der Druck von Dritten der einzige Ausweg zu sein.<\/p>\n<p>Dass den Armeniern so viel an der Anerkennung des Genozids durch die T\u00fcrkei liegt, hat vielf\u00e4ltige Gr\u00fcnde. Es ist allgemein bekannt, dass die Opfer einer solchen humanit\u00e4ren Katastrophe eine \u201ezweite Traumatisierung\u201c erfahren, wenn ihr urspr\u00fcnglicher Schmerz nicht anerkannt wird. Auch wird die Identit\u00e4t der Armenier von dem Leben in der Diaspora bedroht. In diesem Zusammenhang dient die Genoziderfahrung als Bindeglied, das die \u00fcber die ganze Welt verstreuten Armenier zusammenh\u00e4lt. Der Genozid ist ein integraler Bestandteil der armenischen Identit\u00e4t geworden. Eines ihrer wesentlichen gemeinsamen Ziele wurde im Laufe der letzten Jahrzehnte, die Unterst\u00fctzung von Dritten im Kampf um die Anerkennung der Geschichte seitens der T\u00fcrkei zu erhalten.<\/p>\n<p>Die T\u00fcrkei hat diese armenische Strategie wiederum mit einer Offensive beantwortet, bei der umfangreiche Ressourcen und die strategische Position in der Region dazu eingesetzt werden, um dieselben internationalen Organisationen von einer Anerkennung des Genozids abzuhalten. Zahlreiche Lobbygruppen und Ausgaben in Millionen Dollar-H\u00f6he werden zielgerichtet eingesetzt.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich feststellen, dass beide Parteien eine Strategie zur \u00dcberzeugung Dritter entworfen haben. Die internationale \u00f6ffentliche Meinung, Parlamente und andere Institutionen sind zu wesentlichen Arenen geworden, in denen der t\u00fcrkisch-armenische Konflikt ausgetragen wird. Die Frage sollte hier lauten: Kann dieser Konflikt durch die einseitige \u00dcberzeugung von Dritten entschieden werden? Hilft eine solche Strategie, das Problem zu l\u00f6sen oder schafft sie lediglich weitere Probleme?<\/p>\n<p><em>Die Vor- und Nachteile der einseitigen \u00dcberzeugung von Dritten <\/em><\/p>\n<p>Man kann einige Vor- und Nachteile in der Strategie erkennen, die ausschlie\u00dflich auf der einseitigen \u00dcberzeugung von Dritten beruht. Die Best\u00e4tigung des Genozids durch nationale Parlamente ist eine Art Ersatz f\u00fcr die fehlende Anerkennung durch die T\u00fcrkei. Es ist dar\u00fcber hinaus ein nat\u00fcrliches und demokratisches Recht der Diaspora-Armenier, sich als B\u00fcrger jener L\u00e4nder daf\u00fcr einzusetzen. Nur auf diese Weise k\u00f6nnen die Armenier die Debatte am Leben erhalten. Ohne dieses Bestreben w\u00e4re das Thema seit langem in Vergessenheit geraten. Die Tatsache, dass der Genozid in der T\u00fcrkei nur diskutiert wird, wenn andere nationale Parlamente dar\u00fcber diskutieren, ist daf\u00fcr ein Beleg.<\/p>\n<p>Die Diskussion dieses Themas in nationalen Parlamenten ruft in der T\u00fcrkei eine geh\u00f6rige Portion Wut und Hass gegen\u00fcber Dritten und den Armeniern im Allgemeinen hervor. Indessen setzt sich die T\u00fcrkei aber auch nur unter diesen Umst\u00e4nden mit dem Thema auseinander. Dies ist leider auch die einzige Gelegenheit f\u00fcr innert\u00fcrkische Kritiker, sich Geh\u00f6r zu verschaffen, und f\u00fcr die armenische Gemeinschaft, ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen. Ich bin der Auffassung, dass es trotz der negativen Reaktionen der T\u00fcrkei auch positive Nebeneffekte gibt, denn immer mehr T\u00fcrken beginnen, sich Fragen \u00fcber die tats\u00e4chlichen Ereignisse zu stellen.<\/p>\n<p>Ganz gleich wie \u00fcberzeugend unsere Argumente gegen Resolutionen in anderen Parlamenten sein m\u00f6gen, so sollten wir doch zugeben, dass nur durch sie die Debatten in der T\u00fcrkei wach gehalten werden, solange sie dort im \u00f6ffentlichen Raum nicht m\u00f6glich sind. Der t\u00fcrkische Staat will mit diesem Thema in Wahrheit nicht behelligt werden und wendet sich auch aus diesem Grund gegen eine Behandlung des Themas in ausl\u00e4ndischen Parlamenten. Deswegen bewegt viele armenische Kreise die gro\u00dfe Sorge, dass das Thema in Vergessenheit ger\u00e4t, wenn ausl\u00e4ndische Parlamente nicht mehr als ein Forum der Diskussion genutzt werden. Das bisherige Verhalten der T\u00fcrkei rechtfertigt diese \u00c4ngste der Armenier.<\/p>\n<p>Unter diesen Umst\u00e4nden reicht es nicht aus, Resolutionen und die Einmischung von Dritten einfach abzulehnen. Es reicht nicht aus, gegen parlamentarische Beschl\u00fcsse zu toben und zu w\u00fcten. Vielmehr m\u00fcssen alternative Formen und Foren der Diskussion angeboten werden. Solange nicht andere Foren entwickelt werden, in denen das Thema diskutiert werden kann, bleiben die parlamentarischen Resolutionen die einzig m\u00f6gliche Zuflucht f\u00fcr die Armenier. F\u00fcr mich ist nicht ausschlaggebend, ob Parlamente den Genozid anerkennen sollten oder nicht. F\u00fcr mich ist die entscheidende Frage, wie solche Debatten im Hinblick auf eine L\u00f6sung des Konflikts an Bedeutung verlieren k\u00f6nnen  und wie ein kostruktives Gespr\u00e4chsklima entstehen kann. Dies wird nur gelingen, wenn die armenische Seite darauf vertraut, dass ihre Anliegen und ihre Trauer in einem anderen Forum in angemessener Form Ber\u00fccksichtigung finden und nicht vergessen werden.<\/p>\n<p>Andererseits ergeben sich auch einige Nachteile, wenn die Anerkennung des Genozids ausschlie\u00dflich auf der Einbeziehung von Parlamenten und Dritten  aufgebaut wird. Erstens sind beide Konfliktparteien bereit, denjenigen, die sie \u00fcberzeugen wollen, unangemessene Vorteile einzur\u00e4umen, zumal diese niemals neutral sind und die Situation nicht losgel\u00f6st von Eigeninteresse erw\u00e4gen. So sind Dritte dann auch geneigt, das Problem in den Dienst eigener Vorteile zu stellen \u2013 mit dem Ergebnis, dass solche Interventionen sowohl den Konflikt verl\u00e4ngern, als auch zus\u00e4tzliche Probleme schaffen k\u00f6nnen. Der zweite Nachteil ist, dass die Kontrahenden sich die F\u00e4higkeit absprechen, das Problem aus eigener Kraft zu l\u00f6sen und auf diese Weise sich und anderen signalisieren, selbst Teil des Problems zu sein. Dies macht sie nicht nur durch Dritte verwundbar, sondern auch empf\u00e4nglich f\u00fcr deren Anspr\u00fcche.<\/p>\n<p>Die Strategie, Au\u00dfenstehende in den Konflikt einzubeziehen, ist im Hinblick auf die finanziellen Mittel und den Aufwand kostenintensiv. Sie schafft zudem zus\u00e4tzliche Probleme und bringt sich zuweilen selbst in Verruf. (Das beste Beispiel hierf\u00fcr ist der Versuch der franz\u00f6sischen Regierung, das Genozidthema zu instrumentalisieren, um der T\u00fcrkei Hubschrauber zu verkaufen.) Ein weiterer, letzter Nachteil ist der Umstand, dass beide Seiten die gegnerische Partei als Feind darstellen m\u00fcssen und auf diese Weise stereotype Bilder vertieft werden. All diese Nachteile f\u00fchren zu einer Verschlechterung des Verh\u00e4ltnisses der Konfliktparteien.<\/p>\n<p>Ich will hier nicht die Auffassung vertreten, eine Intervention von Dritten auszuschlie\u00dfen. Wann immer zwei Parteien ein Problem nicht aus eigner Kraft l\u00f6sen k\u00f6nnen, ist die Einmischung von Dritten notwendig. Die eigentliche Frage ist deshalb, wie eine solche Intervention stattfinden sollte? So kann eine Vermittlung von Au\u00dfen nur dann erfolgreich sein kann, wenn die Konfliktparteien in das konstruktive Ziel des Vermittlers vertrauen. Die beiderseitige Billigung der Einmischung ist die Grundvoraussetzung f\u00fcr einen Vermittlungserfolg. Dieser bedingt den Entwurf eines Programms, das den Antagonisten dabei hilft, sich gegenseitig zu verstehen und konstruktiv mit ihren Problemen umzugehen. Dazu ist es im t\u00fcrkisch-armenischen Konflikt bislang nicht gekommen.<\/p>\n<p><em>Was ist die Ursache des Problems?<\/em><\/p>\n<p>Die Konfliktparteien sehen gemeinhin die Wurzel des Problems in der Uneinigkeit \u00fcber die historischen Ereignisse. Aber dies trifft nur bis zu einem bestimmten Grad zu. Wenn es nur darum ginge, \u00fcber Geschichte zu streiten, dann lie\u00dfe sich leicht beweisen, was tats\u00e4chlich geschah. Es gibt gen\u00fcgend verf\u00fcgbare Informationen in offiziellen und nicht-offiziellen Dokumenten. Allerdings existieren diese Dokumente in verschiedenen Sprachen und Bereichen. Was deshalb getan werden muss, ist sehr einfach: Es muss eine \u201eWahrheitskommission\u201c einberufen werden, die die historischen Dokumente sichtet. Sie m\u00fcssen jedem zug\u00e4nglich gemacht werden, damit eine offene und ernsthafte Debatte beginnen kann. Mit anderen Worten ist der erste Schritt, eine gemeinsame Wissensgrundlage zu schaffen. <\/p>\n<p>Solche Ans\u00e4tze hatten \u2013 besonders in der T\u00fcrkei \u2013 nie Erfolg. Das deutet darauf hin, dass es auch jenseits des Zwistes \u00fcber historische Ereignisse Probleme gibt. So ist die aktuelle Beziehung der beiden Parteien genauso wichtig \u2013 wenn nicht sogar noch wichtiger \u2013 als die Begebenheiten der Vergangenheit. Diese werden dazu benutzt, die voneinander bestehenden Bilder noch zu verst\u00e4rken. Dieselben Argumente werden st\u00e4ndig wiedergek\u00e4ut. Jede Seite ist lediglich daran interessiert, gegen\u00fcber der anderen Seite zu punkten oder mit neuem Material bereits bestehende Sichtweisen zu untermauern. Das bedeutet, dass sie beide Vers\u00f6hnung verhindern und quasi st\u00e4ndig auf das \u201eTrauma\/Schuld-Konto\u201c erh\u00f6hen. Dieses wird f\u00fcr den n\u00e4chsten argumentativen Waffengang eingesetzt.<\/p>\n<p>Infolge dieses Verhaltens hat jede Seite ein sehr negatives Bild des Anderen entwickelt, auf das st\u00e4ndig Bezug genommen wird. Es ist eine allgemeine Regel, dass entmenschlichte Bilder des Anderen tief in der Mentalit\u00e4t gegnerischer ethnischer oder religi\u00f6ser Gruppen verankert sind. Dies schlie\u00dft den Glauben ein, dass die \u201eandere Seite\u201c der Feind, hinterlistig, aggressiv, herzlos und unf\u00e4hig zu einem positiven Wandel ist. Auch im t\u00fcrkisch-armenischen Konflikt ist das der Fall. Jede Gruppe hat ihre eigene Sprache entwickelt, um die Ereignisse von 1915 zu diskutieren \u2013 eine Sprache, die die Animosit\u00e4ten zwischen den beiden Seiten noch versch\u00e4rft. Der darin konstruierte \u201eAndere\u201c scheint einer Konfliktl\u00f6sung im Weg zu stehen. Konfliktparteien haben in der Regel zwar eine differenzierte Selbstwahrnehmung, nehmen aber gleichzeitig den Anderen nur stereotyp war. Bevor sich diese Einstellungen, Gef\u00fchle, Verhaltensweisen und Mentalit\u00e4ten nicht ver\u00e4ndern, ist eine L\u00f6sung undenkbar.<\/p>\n<p>Meiner Auffassung nach ist es notwendig, deutlich zu unterscheiden zwischen dem eigentlichen Problem und der Art und Weise, wie mit dem Problem umgegangen wird. Die bisherige Handhabung hat zus\u00e4tzliche Schwierigkeiten geschaffen Eine spezifische Erschwernis liegt darin, dass wir uns auf Ereignisse beziehen, die fast einhundert Jahre zur\u00fcckliegen. Warum halten die  Kontrahenden \u2013 und dies gilt in besonderem Ma\u00dfe f\u00fcr den t\u00fcrkischen Staat \u2013 den Anderen f\u00fcr einen Feind, anstatt einer kooperativen Probleml\u00f6sung eine Chance zu geben? Auch ein Jahrhundert sp\u00e4ter scheinen Beide in der psychologischen Verstrickung von 1915 gefangen zu sein. <\/p>\n<p>Es gibt noch einen weiteren Grund f\u00fcr das Beharren auf monolithischen, stereotypen Bildern. Denn das Fortbestehen des Problems liegt eher im Interesse der Konfliktparteien als seine L\u00f6sung. In beiden Lagern haben besonders die nationalistischen Zirkel ihre Sichtweisen und ihre Identit\u00e4t im Gegensatz zu einem eingebildeten Feind herausgebildet. Im Falle der T\u00fcrkei setzen die herrschenden Eliten ihre antiarmenische Haltung dazu ein, die nationale Identit\u00e4t der t\u00fcrkischen Gesellschaft zu st\u00e4rken. Sollte der t\u00fcrkische Staat je seine Haltung gegen\u00fcber dem Genozid ver\u00e4ndern, muss er seine gesamte nationale Geschichte umschreiben. Auch gewisse armenische Kreise profitieren von der Existenz eines Bildes, das die T\u00fcrken als barbarisch und wild zeichnet. Sie erkl\u00e4ren z.B. zuweilen die Neigung zum V\u00f6lkermord aus vermeintlichen t\u00fcrkischen Erbanlagen. Mit anderen Worten: Auf beiden Seiten benutzen Nationalisten den Hass aufeinander, um ihre Nationen um sich herum zu versammeln.<\/p>\n<p>Um diese Hindernisse aus dem Weg zu r\u00e4umen, muss die Parteilichkeit \u00fcberwunden werden. Dies geht nur, wenn die Kontrahenden direkt miteinander ins Gespr\u00e4ch kommen, so dass sie ein zutreffendes Bild voneinander entwickeln k\u00f6nnen. Der erste Schritt zu einer L\u00f6sung des t\u00fcrkisch-armenischen Konfliktes besteht deshalb darin, das negative  Stereotyp vom jeweils Anderen zu beseitigen. Den Vorurteilen muss die Legitimit\u00e4t durch das Angebot alternativer Informationen entzogen werden. Aus diesem Grunde ist es sehr wichtig, das \u00f6ffentliche Bewusstsein einem Wandel zu unterziehen. Allerdings muss man sich dar\u00fcber im Klaren sein, dass tief verwurzelte politische Glaubenssysteme gegen\u00fcber  Modifizierungen extrem resistent sind, besonders wenn sie durch eine intensive Opferpsychologie verst\u00e4rkt werden. Die L\u00f6sung von lang w\u00e4hrenden Konflikten muss immer bei einer Ver\u00e4nderung der Werturteile, die im Rahmen einer kollektiven Weltanschauung bestehen, und der damit einhergehenden Ver\u00e4nderung des \u00f6ffentlichen Bewusstseins ansetzen.<\/p>\n<p><em>Die t\u00fcrkische Gesellschaft ist kein Akteur im bestehenden Konflikt<\/em><\/p>\n<p>Eine der wesentlichen Fragen, die sich daraus ergibt, ist: Warum hat die t\u00fcrkische Gesellschaft niemals Einw\u00e4nde gegen die offizielle Version der Ereignisse erhoben? Wo liegt der Ursprung der tiefen Kluft zwischen dem Staat und der Gesellschaft in der T\u00fcrkei?<\/p>\n<p>Die t\u00fcrkische Republik hat in weiten Teilen die Traditionen, die Politik und die administrativen Strukturen des Osmanischen Reiches geerbt. Anders als im Westen hat der osmanisch-t\u00fcrkische Modernisierungsprozess nicht zu einer Verbreiterung der Machtbasis gef\u00fchrt, die neuen Klassen und sozialen Gruppen Zugang gew\u00e4hrt h\u00e4tte. Motor der Modernisierung war die herrschende Elite. Anstatt neuen Gruppen Zugang zur politischen Macht zu gew\u00e4hren,  passierte genau das Gegenteil. Der \u00dcbergang zur Republik hat weder die Strukturen der herrschenden Klassen noch ihren Einfluss wesentlich ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Die osmanische Konzeption von Macht und die Staatsauffassung kommen von einer archaischen imperialen Tradition her. Nach dieser Auffassung legitimiert sich die Macht ausschlie\u00dflich aus sich selbst heraus. Der Staat ist sakrosankt. Nicht die Nation hat einen Staat, sondern der Staat hat eine Nation. Nach dieser Philosophie ist der Staat von der Gesellschaft unabh\u00e4ngig und wird in Opposition zur Gesellschaft organisiert. Der Staat wird als Bollwerk gegen die Gefahren im \u00dcbergang vom untergehenden Reich zur entstehenden Republik begriffen. Wenn man die T\u00fcrkei wirklich verstehen will, muss man den Staat als Bremse gegen den fortschreitenden Verfall des Reiches sehen. Die Idee der Bedrohung entstand in Reaktion auf folgende historische Ereignisse:<\/p>\n<ol>\n<li>Die Gro\u00dfm\u00e4chte hatten im 19. und 20. Jahrhundert immer wieder Pl\u00e4ne geschmiedet, das Osmanische Reich unter sich aufzuteilen.<\/li>\n<li>Als Reaktion auf den Niedergang entstanden panislamische und pant\u00fcrkische Konzeptionen zur Rettung des Staatsgebildes. Diese Ideen wurden w\u00e4hrend des Ersten Weltkrieges mit der Niederlage des mit Deutschland kriegsalliierten Osmanischen Reiches Makulatur. Die Pl\u00e4ne zur territorialen Ausdehnung wurden abgel\u00f6st von der Angst vor der v\u00f6lligen Vernichtung.<\/li>\n<li>Einige Gruppen ethnischer Minderheiten, die im Osmanischen Reich lebten, betrieben ihre Unabh\u00e4ngigkeit vom Osmanischen Staat.<\/li>\n<li>Die Metapher vom &#8220;kranken Manns am Bosperus&#8221;, die im 19. Jahrhundert in Europa entstand, rief eine allgemeine soziale Psychose hervor, die im Abkommen von S\u00e8vres (1920) Gestalt gewann. Nach diesem Vertrag sollte die T\u00fcrkei zwischen den Gro\u00dfm\u00e4chten aufgeteilt werden. Den T\u00fcrken blieb nur mehr ein Rumpfstaat mit der Hauptstadt Istanbul \u00fcbrig. Den Armeniern wurde auf dem Gebiet Ostanatoliens ein unabh\u00e4ngiger Staat versprochen. Der Vertrag von S\u00e8vres wurde zwar nicht umgesetzt. Aber das Ergebnis war, dass der t\u00fcrkische Staat unter der Pr\u00e4misse entstand, Anatolien vor seinen &#8220;Feinden\u201c sch\u00fctzen zu m\u00fcssen. Auf diese Weise wurde das Konzept der \u201eBedrohung\u201c die Basis f\u00fcr die Legitimit\u00e4t der Republik.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Selbst heute noch leitet der Staat seine Legitimit\u00e4t von der Existenz innerer und \u00e4u\u00dferer \u201eFeinde\u201c ab, denen unterstellt wird, st\u00e4ndig an der Zerst\u00f6rung der T\u00fcrkei zu arbeiten. So ver\u00f6ffentlicht z.B. der Nationale Sicherheitsrat, der das wichtigste Verfassungsorgan ist, regelm\u00e4\u00dfig \u201eSchwarzb\u00fccher\u201c, die die wichtigsten Bedrohungen des Staates gestaffelt nach ihrer Bedeutung auflisten. In der T\u00fcrkei nennen wir diese Psychologie \u2013 die Angst vor der Teilung und die Angst, bedroht zu sein- das &#8220;S\u00e8vres-Syndrom\u201c.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcndergeneration der t\u00fcrkischen F\u00fchrer kam vor allem aus der B\u00fcrokratie und der Armee und war tief gepr\u00e4gt von milit\u00e4rischen Werten. Sie wollten eine homogene t\u00fcrkische Republik schaffen. Schon nach kurzer Zeit geriet dieses Projekt in Widerspruch zu den Herausforderungen einer pluralistischen Gesellschaft mit der Folge, dass schon bald die Gesellschaft zu einem Hindernis  f\u00fcr die Realisierung dieser Staatskonzeption wurde. Komplement\u00e4r zum Begriff des \u201e\u00e4u\u00dferen Feindes\u201c entstand so der des \u201einneren Feindes\u201c. Um diesem keinen Einfluss auf das Geschehen zu geben, fanden die Gr\u00fcnderv\u00e4ter einen einfachen Ausweg: Sie leugneten die Existenz und verp\u00f6nten die Diskussion \u00fcber alle sozialen Gruppen, die ihren Pl\u00e4nen im Wege stehen k\u00f6nnten. Man k\u00f6nnte sagen, dass unsere Republik auf f\u00fcnf Tabus aufgebaut ist:<\/p>\n<ol>\n<li>Es gibt keine sozialen und wirtschaftlichen Klassen in der T\u00fcrkei.<\/li>\n<li>Es gibt keine Kurden in den T\u00fcrkei. Kurden sind Bergt\u00fcrken.<\/li>\n<li>Die T\u00fcrkei ist ein westlicher Staat. Islamische Werte und Kultur haben deswegen keine Berechtigung.<\/li>\n<li>Der Genozid an den Armeniern hat nicht stattgefunden. <\/li>\n<li>Die Autorit\u00e4t und W\u00e4chterrolle des Milit\u00e4rs ist unantastbar.<\/li>\n<\/li>\n<\/ol>\n<p>Diese Tabus wurden zu den grundlegenden Prinzipien der Republik und in den Rang von Staatsdogmen erhoben. Mit anderen Worten: Der t\u00fcrkische Staat wurde auf der Leugnung seiner eigenen gesellschaftlichen Realit\u00e4t und der Existenz unterschiedlicher ethnisch-religi\u00f6ser und kultureller Gruppen in der Gesellschaft aufgebaut. Diese Teile der Bev\u00f6lkerung wurden als &#8220;Probleme&#8221; und &#8220;Bedrohungen&#8221; der Sicherheit der Republik begriffen. Die politischen Ver\u00e4nderungen haben das Tabu aufgehoben, \u00fcber die Existenz dieser Gruppen zu diskutieren. Auch die Rolle des Milit\u00e4rs geriet auf den Pr\u00fcfstand. Es ist deswegen kein Zufall, dass auch der V\u00f6lkermord an den Armeniern ein wichtiges Thema auf der nationalen und internationalen Agenda geworden ist. Ohne Zweifel wird auch dieses Tabu eines Tages der Vergangenheit angeh\u00f6ren. Aber es wird Zeit brauchen, da es ein besonders schmerzliches Thema f\u00fcr den t\u00fcrkischen Staat ist.<\/p>\n<p><em>Beschreibt \u201eLeugnung\u201c korrekt die Haltung der t\u00fcrkischen Gesellschaft?<\/em><\/p>\n<p>&#8220;Leugnung&#8221; ist der in internationalen Kreisen \u00fcbliche Begriff, um die Positionen von Staat und Gesellschaft in der T\u00fcrkei im Hinblick auf den V\u00f6lkermord an den Armeniern zu beschreiben. Im Hinblick auf den Habitus des Staates halte ich den Begriff f\u00fcr zutreffend. Die Haltung der Gesellschaft muss indessen anders beschrieben werden. Hier handelt es sich eher um Unwissen, Apathie und Schweigen.<\/p>\n<p>Um dies zu verstehen, m\u00fcssen wir den herrschenden Mangel an historischem Bewusstsein in der T\u00fcrkei als gesellschaftliches Ph\u00e4nomen betrachten. Ich w\u00fcrde die T\u00fcrkei als ein Land charakterisieren, das unter gesellschaftlicher Amnesie leidet. Die Unf\u00e4higkeit, sich der Vergangenheit zu erinnern, bezieht sich nicht nur auf den Ersten Weltkrieges, sondern auch auf die Ereignisse der 1960er und 1970er Jahre, die lange Zeit dem Vergessen anheim gestellt worden waren. Daf\u00fcr gibt es verschiedene Gr\u00fcnde. Zun\u00e4chst hat der t\u00fcrkische Staat wie jeder Nationalstaat in seinem Erziehungssystem eine nationalistische Geschichtsschreibung entwickelt. Dies hat zu einem historischen Unwissen gef\u00fchrt, das besonders sp\u00fcrbar bei der \u00dcbergangsphase vom Osmanischen Reich zur Republik wird. Die offizielle \u00dcberlieferung hat nicht nur den V\u00f6lkermord an den Armeniern unbeachtet gelassen oder falsch dargestellt, sondern auch die Geschichte von anderen ethnischen und religi\u00f6sen Minderheiten. Dies hat eine  kollektive Amnesie zur Folge.<br \/>\nDazu beigetragen hat auch die Reform des Alphabets im Jahre 1928, bei der die arabische Schrift zugunsten der lateinischen aufgegeben wurde. Das einfache t\u00fcrkische Volk wurde damit der M\u00f6glichkeit beraubt, Dokumente aus der Zeit vor 1928 zu lesen und damit diese Periode f\u00fcr sich zu erschlie\u00dfen. Die Reform und die sich anschlie\u00dfende S\u00e4uberung der Sprache gab dem t\u00fcrkischen Staat die Kontrolle \u00fcber den Zugang der Gesellschaft zu ihrer eigenen Vergangenheit, indem nur noch jene Texte und Dokumente transkribiert wurden, die die Sicht des Staates untermauerten. <\/p>\n<p>Zum Schweigen: Eines der wesentlichen Merkmale der T\u00fcrkei ist es, dass sie \u00fcber keine gemeinsame kollektive Identit\u00e4t verf\u00fcgt. Vielmehr setzt sich diese aus einer Vielzahl von Identit\u00e4ten von subethnischen und religi\u00f6sen Gruppen zusammen.. All diese haben durch m\u00fcndliche \u00dcberlieferung ihre eigenen Versionen von Geschichte entworfen.. Trotz aller bestehenden Unterschiede, lassen sich doch einige Gemeinsamkeiten erkennen: Anders als im Nachkriegsdeutschland, wo der Holocaust mit einem \u201eWir-wussten-von-nichts\u201c verdr\u00e4ngt wurde, sprachen in der T\u00fcrkei die einzelnen Gruppen offen \u00fcber das Thema des V\u00f6lkermordes an den Armeniern. Dabei fielen S\u00e4tze wie: \u201eSie haben es verdient\u201c ebenso wie: \u201eEs h\u00e4tte nicht passieren d\u00fcrfen, wir sch\u00e4men uns daf\u00fcr\u201c. Charakteristisch f\u00fcr diese sehr gegens\u00e4tzlichen Haltungen war, dass sie nie in der \u00d6ffentlichkeit , sondern nur im Privaten ge\u00e4u\u00dfert wurden. Obwohl weite Kreise der t\u00fcrkischen Gesellschaft die staatliche Politik der Leugnung nicht teilen, stellten sie diese nie aktiv in Frage, sondern \u00fcbernahmen sie in der \u00d6ffentlichkeit. Mit anderen Worten: Die Menschen  \u00e4u\u00dfern in der \u00d6ffentlichkeit v\u00f6llig andere Positionen als im Privaten. Da es nicht erlaubt, sondern strafbar war, die staatliche Haltung \u00f6ffentlich zu kritisieren, existieren parallel zueinander zwei Versionen: die aufgezwungene, \u00f6ffentliche Version des Staates und die unterdr\u00fcckte, private Version verschiedener Subgruppen.<br \/>\nDie Diskrepanz von einer offiziellen und privaten Geschichtstradition hat dazu gef\u00fchrt, dass die t\u00fcrkische Gesellschaft keinen wirklichen Zugang zu ihrer Vergangenheit hat. Deswegen konnten auch die \u201eprivaten Erinnerungen\u201c nicht aufgearbeitet werden. Die staatlich verordnete, nationalistische Betrachtung der Geschichte lie\u00df au\u00dferdem die Geschichtsbilder der verschiedenen religi\u00f6sen und ethnischen Gruppen unber\u00fccksichtigt. Dem Staat ist es nicht gelungen ist, eine gemeinsame Identit\u00e4t der Gesellschaft zu schaffen. Die aufgezwungene Identit\u00e4t wurde jedoch von der Gesellschaft aus Unwissen, Geschichtsvergessenheit und Angst nie in Frage gestellt. Die Existenz von zwei fundamental sich widersprechenden Geschichtsbildern illustriert die schizophrene Haltung zum armenischen Genozid und anderen umstrittenen \u201eWahrheiten\u201c in der T\u00fcrkei. Bislang hat die t\u00fcrkische Gesellschaft zur Kl\u00e4rung des t\u00fcrkisch-armenischen Konfliktes keinen Beitrag geleistet. Genau dies muss sich \u00e4ndern. Solange die t\u00fcrkische Gesellschaft und die in ihr existierenden multiplen Geschichtsbilder keine aktive Rolle bei der Konfliktl\u00f6sung spielen, wird dieser nicht beigelegt werden k\u00f6nnen. Deswegen wird es entscheidend darauf ankommen, Plattformen zu finden, auf den die t\u00fcrkische Gesellschaft ihre Positionen vertreten kann.<\/p>\n<p><em>Was muss geschehen?<\/em><\/p>\n<p>Beide Parteien m\u00fcssen ein Konzept entwickelt, wie die Beziehung zueinander in Zukunft aussehen kann oder soll. Wenn es uns nicht gelingt, den historischen Konflikt mit einem Konzept f\u00fcr die Zukunft zu verbinden, wird uns keine L\u00f6sung gelingen. Vers\u00f6hnung bedeutet, dass der Teufelskreis gegenseitiger Schuldzuweisungen durchbrochen wird, damit ein Gespr\u00e4ch m\u00f6glich wird. Die T\u00fcrkei und Armenien sind durch ihre regionale Nachbarschaft auf alle Zeit miteinander verbunden. Deswegen muss das zuk\u00fcnftige Verh\u00e4ltnis beider Staaten in dem Konzept ber\u00fccksichtigt werden.<\/p>\n<p>Beide Konfliktparteien m\u00fcssen Gelegenheit bekommen, ihr Trauma, ihre Trauer, ihre Erinnerungen, aber auch ihre Selbstwahrnehmung zu artikulieren. Internationale Erfahrungen zeigen, dass Historiker- und Wahrheitskommissionen einen geeigneten Raum schaffen, um diesen Diskurs zu er\u00f6ffnen. Ein gemeinsames Geschichtsbild muss geschaffen, unver\u00f6ffentlichte Quellen m\u00fcssen zug\u00e4nglich gemacht werden. Doch der Mut zur Wahrheit alleine reicht nicht aus. Auch Gerechtigkeit alleine reicht nicht aus. Der Weg zu einem Neubeginn muss auch von Mitgef\u00fchl getragen werden. Ohne die Bitte um Vergebung und den Mut zu vergeben, wird es keine Vers\u00f6hnung geben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Europ\u00e4ische Union sollte beginnen, ihre Vermittlerrolle in diesem Konflikt ernst zu nehmen. Bislang scheint sie sich nur kursorisch mit dem Problem befassen zu wollen. Europa muss verstehen, dass der t\u00fcrkisch-armenische Konflikt eine wesentliche Komponente der Erweiterung zum Nahen Osten und dem Kaukasus ist. Eine solche Rolle kann nur erfolgreich sein, wenn sie nicht konfrontativ angelegt ist, sondern die Konfliktparteien an einen Tisch bringt. Parlamentarische Resolutionen verm\u00f6gen dies nicht zu leisten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die t\u00fcrkische Leugnung des V\u00f6lkermordes an den Armeniern im europ\u00e4ischen Kontext in Huberta von Voss, ed. Portr\u00e4t einer Hoffnung Die Armenier. 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